Das ist doch nicht normal!

Dantes Bruder Duke hat neulich auf seinem Blog ein „Plädoyer an die Menschlichkeit“ gehalten und darüber geschrieben, dass das Zusammenleben von Mensch und Hund leider nicht immer harmonisch abläuft und dass es eine Schande ist, dass so viele Menschen (ihre) Hunde gar nicht richtig lesen und verstehen können. Menschen können furchtbar ignorant sein! Und genau in diese Kerbe muss ich jetzt tatsächlich auch mal schlagen, denn obwohl mir beinahe täglich ganz wundervolle Menschen begegnen, die meine beiden Tiere wunderschön und toll finden, begegne ich auch allzu oft Menschen, bei denen das nicht der Fall ist.

Und NATÜRLICH ist das absolut in Ordnung! Denn die Geschmäcker sind bekanntlich sehr verschieden und mir gefällt auch längst nicht jeder andere Hund oder jedes andere Pferd, das wäre ja absurd. Es gibt so viele Rassen, persönliche (Schönheits-)Ideale, unterschiedliche Stärken und Schwächen und Charaktereigenschaften. Es ist ebenfalls völlig in Ordnung für mich, dass manche Leute mir ungefragt sagen, dass sie meinen Hund komisch oder mein Pferd zu dick finden. Beides ist schließlich der Fall und ich habe es tausendmal lieber, dass jemand ehrlich seine Meinung sagt statt herumzudrucksen und sich ein: „Ach, sooo dick/ hässlich finde ich ihn gar nicht“ abzuringen.

Aber – und das ist ganz entscheidend – der Ton macht die Musik! Die Art und Weise wie man über andere denkt, ist die eine Sache. Ob, zu wem und wie man das allerdings ausspricht eine völlig andere! Es ist ganz einfach eine Frage des Anstands und der Selbstbeherrschung, ob man auch mal dazu in der Lage ist, seinen Senf für sich zu behalten, oder ob man fast schon zwanghaft alles hervorheben und ansprechen muss, was irgendwie „anders“ ist und nicht so recht in das eigene kleine Weltbild passen möchte. Zu blöd aber auch, dass man immer wieder mit Dingen konfrontiert wird, die irgendwie nicht „normal“ sind und die man so noch nie gesehen hat.

Ich höre schon die Stimmen, die jetzt sagen: „Selbst Schuld, dass du dir so einen Hund angeschafft hast. Ist doch klar, dass die Leute reden, was hast du denn erwartet?“

Anstand. Ich habe etwas mehr Anstand erwartet.

Wie gesagt stört es mich nicht im Geringsten, wenn jemand meine Tiere nicht toll oder schön findet und mich stört es auch nicht, tagein tagaus über „diesen komischen Nackthund“ zu reden, zum milliardsten Mal zu erklären, dass er keine Qualzucht ist und dass er keinen Sonnenbrand bekommt, oder mein grottenbraves Pferd, das Kinder beinahe magisch anzieht, für Streicheleinheiten zur Verfügung zu stellen, obwohl ich gerade eigentlich nicht so viel Zeit habe.

Was mich allerdings stört ist die mangelnde Höflichkeit, der mangelnde Respekt, die mangelnde Selbstreflexion und vor allem der mangelnde Anstand mancher Menschen. Es gehört sich einfach nicht, ständig und ungefragt seine Meinung hinauszuposaunen und sich dabei oft auch noch charmant oder witzig zu finden. An dieser Stelle ein paar Beispiele, die mir alle so passiert sind:

  • Ich reite mit Donar, meinem schwarz-weiß gescheckten und noch dazu aktuell leider übergewichtigen Pferd, aus und komme an zwei Frauen um die Fünfzig vorbei. Nachdem ich sie gegrüßt habe, sagt die eine zur anderen: „Ach, ich dachte, Sie reiten da auf einer Kuh.“
  • Ein ähnliches Szenario, dieses Mal war es allerdings ein Spaziergang und kein Ausritt: „Ihre Stute ist aber ganz schön trächtig… Kommt das Fohlen denn bald?“ Nee, kein Fohlen. Ist ein Wallach.
  • Ich putze Donar auf dem Hof und die Mutter einer Reitschülerin holt ihre Tochter ab. Sie sagt zu ihrem Kind: „Guck mal, das ist ein ganz Dicker.“ Ich stehe zwei Meter daneben, drehe mich lächelnd um und zeige auf ein Shetlandpony, das in der Nähe steht: „Und das da ist ein ganz Kleiner.“
  • Wir sind mit Dante unterwegs und begegnen einem Pärchen. Sie sagt zu ihm noch bevor wir an ihnen vorbei sind: „Guck mal, Schatz, voll der hässliche Hund, oder?“
  • Ich zeige Bekannten ein Foto von Dante nachdem ich erzählt habe, dass wir einen Nackthund haben. Die geschockten Mienen hellen sich erleichtert auf: „Oh, okay, der sieht ja gar nicht sooo schlimm aus.“
  • Wir sitzen an einem überraschend kühlen Tag im Schatten draußen vor einer Eisdiele, Dante liegt ruhig und brav neben uns und beginnt nach einer Weile zu zittern und möchte aufstehen, weil ihm kalt ist. Ich ziehe meine Strickjacke aus und lege sie wie eine Decke über ihn. Er hört bald auf zu zittern und entspannt sich wieder. Der ältere Herr am Nebentisch schüttelt verständnislos schnaubend den Kopf und sagt halblaut: „Früher hätte der auch kein Deckchen gekriegt, dann hätte der sich auch nicht so angestellt.“ Ich sage ebenfalls halblaut zu meinem Mann: „Wir lassen unsere Jacken nächstes Mal einfach zu Hause. Braucht man nicht, wir haben ja Haut.“
  • Bei einem Spaziergang mit Dante begegnen wir zwei jungen Müttern mit kleinen Kindern auf dem Arm. Als wir uns mit dem kurz angeleinten (!) und völlig entspannten Hund nähern wird eine der beiden Frauen hektisch und entfernt sich von uns: „Gehen Sie weiter weg mit dem, die Kinder haben Hundeangst!“ Ach, wirklich? BEIDE Kinder im Alter von nicht mal zwei Jahren haben „Hundeangst“?!

Es nervt mich einfach unwahrscheinlich, welche Intoleranz und Rücksichtslosigkeit manche Leute an den Tag legen und – noch schlimmer – ihren Kindern völlig unreflektiert vorleben! Was ist das bitte für eine Art? Ein solches Verhalten hat einzig und allein den Zweck, andere (egal ob Tier oder Mensch) auf irgendeine Weise schlecht zu machen und sich selbst darüber zu profilieren. Aber will ich meinen Kindern und Mitmenschen wirklich einen solchen Argwohn vorleben? Muss ich mit dem Finger auf alles zeigen, was nicht „normal“ ist? Ein dickes Pferd, ein geschecktes Pferd, ein nackter Hund, ein Kind mit Segelohren, eine sehr dünne Frau, ein Mann, der einen anderen Mann küsst oder eine Mutter, die nicht dieselbe Hautfarbe hat wie ihr Kind?

Diese Oberflächlichkeit ist verletzend, abstoßend und peinlich. Und natürlich lassen sich viele dieser Aussagen mit Humor nehmen, oder einfach abwinken und weil unsere Gesellschaft nun mal so funktioniert, passiert das ja auch in den meisten Fällen. Trotzdem habe ich mir angewöhnt, immer mal wieder Kontra zu geben und die Leute wachzurütteln. Denn gerade bei Tieren ist die Hemmschwelle für übergriffiges Verhalten oft erschreckend niedrig. Sich über einen fremden Kinderwagen zu beugen und zu sagen: „Boah, ist das ein hässliches Baby!“ käme den meisten ja (zum Glück!) auch nicht in den Sinn.

Ich will mich wie gesagt nicht darüber beklagen, dass nicht jeder meine Ansichten teilt oder meine Tiere toll findet oder höflich fragt, was das denn für eine Rasse ist. Aber es ist schon bezeichnend, dass Kinder in den allermeisten Fällen sehr viel offener, höflicher, respektvoller und unvoreingenommener auf meine beiden scheinbar irgendwie polarisierenden Tiere zugehen, während Erwachsene das oft nicht (mehr) können. Die Menschen sind ignorant und auch wenn ich daran wenig bis gar nichts ändern kann, kann ich das Thema jedoch wenigstens ansprechen und den ein oder anderen vielleicht ein bisschen vor den Kopf stoßen, wenn wieder mal zuerst geredet und erst dann nachgedacht wird.

4 Kommentare zu „Das ist doch nicht normal!

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  1. Liebe Jana,
    Du sprichst hier mit Deinem neuesten Beitrag mir voll aus der Seele. Ähnliche Kommentare von „nicht denkenden“ Menschen, bekommen Menschen mit einem offensichtlichen, körperlichen Defekt, leider auch ständig zu hören. Als einer der Betroffenen des „Contergan Skandals“ weiß ich das nur zu gut. LG, Georg ( Farah & Fuchur )

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    1. Lieber Georg,

      vielen Dank für deine Nachricht! Das kann ich mir leider gut vorstellen, dass auch diese Art des „Andersseins“ viel zu oft auf Unverständnis, Rücksichtslosigkeit und verletzendes Verhalten stößt und es tut mir leid, dass du solche Erlebnisse aus persönlicher Erfahrung kennst.
      Ich tue jedenfalls mein Bestes, um gerade auch den Kindern und Jugendlichen in der Schule Toleranz, Rücksicht und Verständnis zu vermitteln und vorzuleben, aber je nach Elternhaus ist das leider wesentlich leichter gesagt als getan.

      Liebe Grüße,
      Jana

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  2. Es ist sehr schade, dass ihr solche Erfahrungen machen musstet. Neugier finde ich in Ordnung, denn wann hat man schon einmal die Gelegenheit, einen Hund wie euren zu sehen. Ich gebe zu, ich als Hundeverrückte, könnte auch nicht einfach vorbeigehen und hätte tausend Fragen.
    Vielleicht ein wenig zum Trost, auch mit einer gängigen Rasse ist man solchen Anfeindungen, Beurteilungen und Reaktionen ausgesetzt. Sie haben bloß einen anderen Inhalt.
    Liebe Grüße
    Birgit und Retriever Finley

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    1. Liebe Birgit,

      vielen Dank für deine Nachricht, ich habe mich sehr darüber gefreut! Haha, so wie dir geht es den Meisten Hundefans und ich freue mich immer total, wenn daraus nette Gespräche und ein Austausch entstehen. Dass Dante für Aufsehen sorgt, ist auch gar kein Problem, nur die „Art“ mancher Menschen, darauf zu reagieren, finde ich manchmal mehr als fragwürdig. 😉
      Es ist gleichermaßen beruhigend und erschreckend, dass auch du und dein Retriever solche Erfahrungen gemacht haben, aber man kann es eben nie allen recht machen. Wahrscheinlich gibt es immer Leute, die den Hund zu groß, zu klein, zu wuschelig, zu nackt, zu aufdringlich, zu reserviert, etc. finden. 🤷‍♀️

      Viele Grüße,
      Jana und Dante ☺️

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